Elisabeth Neudörfl


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Gladbeck

2013
Die Serie besteht aus
9 Silbergelatineprints, Handabzug,
18 x 27 cm, gerahmt;
4 Silbergelatineprints, 24 x 32 cm,
gerahmt; Text, Auflage 3+2 a.p.

* 1968 in Darmstadt

Ausbildung zur Fotografin
1989-94 Fachhochschule Dortmund
1994 Universidad Nacional de Tucumán
1995-97 Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

seit 1995 Büro für Bildangelegenheiten gemeinsam mit Bettina Lockemann

2002 - 2008 Lehraufträge in Hannover und Leipzig
2007 - 2009 Vertretungsprofessur, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
seit 2009 Professur für Dokumentarfotografie, Folkwang Hochschule, Essen

lebt und arbeitet in Berlin und Essen

Preise und Stipendien

2003/04
Dorothea-Erxleben-Stipendium des Landes Niedersachsen

1998
Projektstipendium des DAAD in Tokyo, Japan

1997
Förderpreis des Institut für Buchkunst, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (mit Bettina Lockemann)

Publikationen

2015 (in Vorbereitung/ in preparation) Wiederholen als Wiederholung. Wiederholungsstrategien in einem fotografischen Künstlerbuch: „E.D.S.A.“, in: Rolf Parr et. al. (Hg.), Wiederholen / Wiederholung, Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren: 2015, S. 109-137

2014 Louise Lawler: Adjusted. Museum Ludwig, Cologne, 11.10.2013-26.1.2014, in: Camera Austria International Nr. 125, 2014

Dokumentarische Methoden in der Kunst. Symposium der dfi und der KHM Köln, 19.-21.10.2012, in: Camera Austria International Nr. 120, 2012

Space-Time-Fragment: Conceptual Documentary Photography in the Artist’s Book as a Tool of Analysis, in: Theresa Wilkie, Jonathan Carson, Rosie Miller (Hg.), Photography and the Artist’s Book, Edinburgh: MuseumsEtc

Photography vs. Visibility. Seeing Unseen Aspects in a City, in: Urban Image Now: Photographic and Filmic Manifestations of a Subjective City Experience, Special Issue of Visual Resources. An International Journal of Documentation, 26. Jahrgang, Nr. 1, Routledge


Solopublikationen

E.D.S.A. - Epifanio Delos Santos Avenue.
Auflage 300 sign. Exx.. Berlin (Wiens Verlag) 2010

(Die Serie „E.D.S.A.“ besteht aus 116 verschiedenen Ansichten der Straße „Epifanio de los Santos Avenue“ in Manila (Philippinen) - sie war der Schauplatz der Demonstrationen gegen den Diktator Ferdinand Marcos im Jahr 1986 und hat in Manila Symbolcharakter für die Rebellion gegen die Diktatur. Im Abstand von Sekunden hat Neudörfl Photos entlang dieser berühmten Avenue aufgenommen, die sich zu einem Panorama mit Zeitsprüngen zusammenfügen. Sie behält dabei den Beobachterstandpunkt bei und photographiert verschied. Blickwinkel. So entstehen filmartige Sequenzen, die den Verkehr und die Passanten in Bewegung zeigen. Durch die Verschiebung der Perspektive entstehen Brüche in der Wahrnehmung des Ortes und der Zeit.)

Super Pussy Bangkok, Institut für Buchkunst, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2006

Future World, Sprengel Museum Hannover 2002

Plan (mit Bettina Lockemann), Institut für Buchkunst, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 1999

Ausstellungen und Beteiligungen (Auswahl)

2013
"unseen aspects of a city", Galerie Wien Lukatsch, Berlin

2012
"der Stadt, At Home – Der Blick durchs Schlüsselloch. Wohnen im Ruhrgebiet – gesehen durch die Kunst", Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Oberhausen

2011
"Ökoton" within the exhibition "Photography Calling!", Sprengel Museum, Hannover

2010
"Ruhrblicke, Sanaa-Gebäude", kuratiert von Thomas Weski, Zeche Zollverein, Essen
"Habitat", Galerie Barbara Wien Wilma Lukatsch (E)

2009
"Von der Straße", Galerie Barbara Wien, Berlin (E)

2007
"Hyper Cities / Über Städte", Museum für Asiatische Kunst, Berlin, Katalog
"Wege zur Selbstverständlichkeit. Aus der Sammlung des Fotomuseum Winterthur", Winterthur, Schweiz, Katalog

2006
"Asia City Strangers", Galerie Fotohof, Salzburg, Österreich, Katalog

2005
"Pingyao International Photography Festival", Pingyao, China, Katalog
"Zerstreute Momente der Konzentration", hartware medien kunst verein, Dortmund, Katalog
"Seven Floors", Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hannover, Katalog
"Expanded Media", Württembergischer Kunstverein, Stuttgart

2004
AOK Hannover

2003
"Leben und Arbeiten in der Bienenwabe", Galerie am Prater, Berlin

2002
"Future World", Sprengel Museum Hannover, Künstlerbuch (E)

2001
"Berlin subjektiv", Zagreb, Kroatien
"new ideas – old tricks", hARTware projekte, Dortmund

2000
"Here And Now", Fotobiennale Rotterdam: Positions, Attitudes, Actions, Rotterdam, Niederlande, Katalog

1999
"Berlin - Stadt im Wandel", Kunststiftung Poll, Berlin

1998
"der Stadt", Fotogalerie in der Brotfabrik, Berlin (E)
"Berlin - Stadt im Wandel", NBK, Berlin

1995
"venceremos", Fotogalerie in der Brotfabrik, Berlin (E)

1994
"Schäfchen. Die Ordnung der Bilder", Panzerhallen der Fachhochschule Potsdam, Katalog

1993
"Haltbar", Ausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund, Katalog

Thomas Weski über Elisabeth Neudörfl

Elisabeth Neudörfl: Super Pussy Bangkok von Bettina Lockemann, deutsch

Elisabeth Neudörfl: Super Pussy Bangkok by Bettina Lockemann, english

Super Pussy: Zu den Fotos in dieser Literaturbeilage von Brigitte Werneburg

Elisabeth Neudörfl: Der Stadt, in Miriam Paeslack: Dis-United. Urbane Fotografie im Nachwendedeutschland, deutsch

Elisabeth Neudörfl: Der Stadt, in Miriam Paeslack: Dis-United. Urbane Fotografie im Nachwendedeutschland, english

Miriam Paeslack: A Country Disunited? Urban Photography in Post-Reunification Germany, in: Journal of Architecture, Vol.11; Number 5. November 2006. Routledge, S.543-550

Miriam Paeslack: Stereographic City: Berlin Photography in the Wende Era, in: Philip Broadbent und Sabine Hake (Hg.): Berlin, Divided City 1945-89, New York: Berghahn Books 2009

Bettina Lockemann: Elisabeth Neudörfl: Future World, in: Dieselbe: Das Fremde sehen. Der europäische Blick auf Japan in der künstlerischen Dokumentarfotografie der Gegenwart, Bielefeld: transcript Verlag 2008


Thomas Weski über Elisabeth Neudörfl

in: Ruhrblicke / Ruhrviews. Kat. (Dt./Engl.). Hrsg. v. Thomas Weski. Zur Ausstellung im SANAA-Gebäude Essen. Köln 2010

Elisabeth Neudörfl erstellt in ihrer künstlerischen Arbeit umfangreiche fotografische Dokumentationen des städtischen Raums und der Übergangszone zwischen Stadt und Land. Dieses Vorgehen hat sie bei verschiedenen Projekten in Deutschland und in Asien eingesetzt. Neudörfl analysiert urbane Strukturen als Voraussetzung sozialen Verhaltens und verbindet so künstlerische Sicht mit gesellschaftlicher Analyse. Die Künstlerin hat unterschiedliche Präsentations- und Publikationsformen für ihre direkte, nachvollziehbare und dokumentarische Fotografie entwickelt. Ihre Schwarzweiß- oder Farbaufnahmen arrangiert sie oft zu Bildabläufen und reflektiert so die Grenzen und Eigenheiten des verwendeten Mediums.

Für Ruhrblicke hat Neudörfl mit ihrem Beitrag Habitat 72 Schwarzweißaufnahmen in zwei übereinanderliegenden, horizontal verlaufenden Reihen zu einem Fries arrangiert, in dem einzelne Aufnahmen zu Bildgruppen zusammengefasst sind. Die in Leserichtung angeordneten Bilder zeigen in der Regel verschiedene Sichten auf die jeweiligen Motive und ermöglichen so ein Nachvollziehen der Arbeitsweise der Künstlerin – der Versuch des Nachfassens und das Eingeständnis, dass es eine allein gültige Sicht nicht gibt.

Durch den Einsatz eines Blitzlichts beim Fotografieren bei Tageslicht wird der Vordergrund der Aufnahmen oft in grelles Licht getaucht. Diese Technik verleiht den Schwarzweißbildern etwas Künstliches, lässt sie wie Tatortfotos wirken und löst sie in Verbindung mit den anderen Sichten auf dasselbe Motiv doch zugleich vom eindeutig Dokumentarischen. Die durchaus als Einzelbilder angelegten Aufnahmen ergeben in ihrem Arrangement einen immer wieder die Perspektive wechselnden Bericht über städtische Randgebiete und die dort eingesetzte Architektur im dialektischen Wechselspiel mit der existierenden und sich entwickelnden Natur. An der Nahtstelle dieses Übergangs verweist der Titel der Arbeit doppeldeutig auf die Bedeutung dieser Zone als Wohngebiet für Menschen und Tiere – die aber in den Aufnahmen nicht repräsentiert sind – und auf mögliche Verschiebungen dieses scheinbar ausbalancierten Verhältnisses.


Elisabeth Neudörfl: Super Pussy Bangkok
Bettina Lockemann

deutsch

19.9.2007
auf: http://archivalien.blogspot.com/2007/09/elisabeth-neudrfl-super-pussy-bangkok.html

Vermutlich verhindert der Titel das Auffinden dieses Buches über seriöse Suchmaschinen im Internet. Doch obwohl Prostitution und deren Hintergründe Thema des großformatigen Fotobuches sind, zeigen die Fotografien nicht das, was sich üblicherweise hinter einem solchen Titel verbirgt. Überraschend ist zunächst das Buchformat: In metallischem Magenta präsentiert sich der etwas schmaler als A3 angelegte hochformatige Band, der mit einer Metallspirale gebunden ist. Der Titel ist einer Neonreklame nachempfunden. Beim Aufblättern folgt direkt die erste querformatige Schwarzweiß-Fotografie. Das vollformatige Bild ist in der Mitte durch die Spiralbindung zweigeteilt. Dieser Umgang mit Bild und Layout zieht sich durch das gesamte Buch mit insgesamt 33 Fotografien. Im ganzen Band gibt es keine Vakat-Seiten oder weißen Ränder, Text steht nur auf dem Außenumschlag.

Elisabeth Neudörfl richtet ihre Kamera hauptsächlich nach oben, meist stürzen die Linien. Sie fotografiert Hausfassaden mit Klimaanlagen, Kabelgewirr, Neonreklamen. Das diffuse Tageslicht sorgt für eine gleichmäßige Beleuchtung. Schnell wird klar, dass hier ein Vergnügungsviertel gezeigt wird. Nur selten sind die Straßen zu sehen, die Bilder geben den Blick frei auf abweisende, schäbige Fassaden, auf dem Balkon trocknende Wäsche, Satellitenschüsseln. Doch am Auffälligsten sind die wirren Stromkabel, die sich scheinbar planlos von Haus zu Haus winden und die Klimaanlagen sowie nachts die Neonschilder der Clubs mit Strom versorgen. Das Schwarzweiß der Fotografien betont den nüchternen Blick, der sich nicht einwickeln lässt und eine Exotik des Fremden von vornherein ablehnt. Die Namen der Lokalitäten spiegeln die globalisierte nächtliche Unterhaltung: Ballermann 69, Tip-Top Restaurant, Radio City, Suzie Wong oder eben SuperPussy. Lediglich über die Namen und ihre typografische Umsetzung scheinen sich die Etablissements voneinander zu unterscheiden. Eine riesenhafte ägyptische Maske an einer Fassade oder Objekte, die nachts wohl als Neon-Brunnen oder –Sonnen erscheinen, deuten auf die Sehnsucht nach Las Vegas-Glamour. Die Fotografien betonen deutlich die Enge in den Gassen und die Nähe zwischen den Clubs. Hinter den nur wenige Stockwerke hohen Häusern des Vergnügungsviertels sind auf einigen Bildern Hochhäuser zu sehen. Fast scheint es, als ob die schmutzigen Geschäfte der Straße aus den Türmen heraus überwacht und die Geldströme von dort aus kontrolliert werden.

Elisabeth Neudörfl hat in Bangkok in jenen drei Straßen fotografiert, in denen die sich vorwiegend an westliche Ausländer richtende Sexindustrie beheimatet ist. Auf der Rückseite des Bandes weist ein kurzer Text darauf hin, dass – trotz des Verbots der Prostitution in Thailand – dieser Sektor ca. 10% des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet. Tatsächlich sind diese drei Straßen zusammen nur etwa 600 Meter lang. Neudörfl betont die räumliche Begrenzung, indem sie wiederholt Schilder oder Fassaden aus variierten Blickwinkeln zeigt.

Neudörfls Fotografien setzen sich mit der Prostitution im Zustand der ordnungspolitisch geduldeten Illegalität auseinander, ohne sich vordergründig der menschlichen Seite zuzuwenden. Sie zeigen gerade nicht die nächtliche Situation, wenn sich dort Menschen tummeln und alles in eine geheimnisvolle, aufregende Neonfarbigkeit getaucht ist, die Konturen verschwimmen und Details in der Dunkelheit entschwinden. Neudörfl fotografiert tagsüber. Die Fotografien sind menschenleer, so dass Gefühle von Sympathie oder Antipathie gegenüber Personen grundsätzlich ausgeschlossen sind. Die Sachlichkeit der Aufnahmen orientiert sich an der wahrnehmbaren Außenwelt und vertritt damit eine streng dokumentarische Haltung. Die Fotografin nimmt sich zurück, sie lässt die Dinge für sich sprechen. Gleichzeitig ist sie aber sehr präsent, denn ihre Bildauffassung verweigert sich einer ästhetischen Aneignung des Dargestellten. In den gewählten Bildausschnitten stellt sich zum Beispiel keine Verfallsromantik ein, die die Situation pittoresk überhöhen und damit emotionalisieren könnte. So schäbig sich die Oberflächen der Gegenstände präsentieren, so sehr enttarnt Neudörfl sie in ihrer kruden Funktionalität. Die Anmutung von Neudörfls Fotografien – so ist zu vermuten – steht in einem großen Kontrast zur Erfahrung des westlichen Sextouristen. Denn Neudörfl interessiert sich nicht für die Menschen und ihre Aktivitäten, sie schaut sich die nach außen hin sichtbaren Fassaden mit einer Genauigkeit an, vor der auch die moralische Schäbigkeit und die wirtschaftliche Härte des Geschäfts sichtbar werden.

Das große Bildformat sowie die Buchgestaltung tragen zu der architektonischen Erfahrung der Oberflächen bei: In einem normalen Buchbetrachtungsabstand sind die Fotografien zu groß, um sie auf einmal zu erfassen. Der Blick beschäftigt sich zunächst mit den gut sichtbaren, immer scharf abgebildeten Details, bevor das Einnehmen eines größeren Abstands die Betrachtung des ganzen Bildes ermöglicht. Dabei übernimmt die die Bilder durchbrechende Metallspirale eine Aufgabe: Sie scheint Elemente aus den Fotografien aufzugreifen und verleiht ihnen eine Präsenz im Raum. So wird die Bindung nicht zum störenden Element bei der Bildbetrachtung, sondern zu einer sinnfälligen Ergänzung der Bilderfahrung.

Elisabeth Neudörfl lotet mit Super Pussy Bangkok die fotografischen Möglichkeiten innerhalb der Dokumentarfotografie weiter aus. Mit bildnerischen Mitteln untersucht sie einen sichtbaren Ausschnitt realer Gegebenheiten, die mit politischen und wirtschaftlichen Interessen (mindestens) verknüpft sind. Durch die Präzision ihrer Aufnahmen und die Abkehr von exotischen Thailand-Vorstellungen erreicht sie eine eindrucksvolle Darstellung. Weil die Fotografien Leerstellen belassen und Einblicke verweigern, verdeutlicht sich eine fragwürdige gesellschaftliche Situation, die sich ohnehin jeglicher konkreten Abbildung entzieht.


Elisabeth Neudörfl: Super Pussy Bangkok
Bettina Lockemann

english

published on http://booksports.de/Inhalt.htm

Presumably, the title of this book prevents it from being found using serious search engines on the Web. However, even though prostitution and its backgrounds are the subject of this large-format photo book, the photographs do not show what would normally be behind such a title. The first surprise is the book’s format: Bound with a metal spiral, it presents itself in metallic magenta and is somewhat narrower than an A3-sized book in landscape format. The title was inspired by a neon sign. When the book is opened, the first landscape-format black-and-white photo appears immediately behind the cover. The full-size image is divided in half by the spiral binding. This way of dealing with images and layout runs through the entire book, which has 33 photographs in all. The entire book has no blank pages or white borders; text can be found only on the cover.

Elisabeth Neudörfl mainly points her camera upwards – most lines are plunging. She takes photos of building façades with air conditioners, cable clutter, neon signs. The diffuse daylight provides even illumination. It quickly becomes clear that a nightclub district is being shown. Roads can be glimpsed only rarely – the pictures reveal repellent, shabby facades, clothes drying on balconies, satellite dishes. But what is most striking is the tangled power cables, which seemingly wind haphazardly from house to house, providing electricity to the air conditioners and, at night, the neon signs of clubs. The fact that the photographs are black-and white stresses the austere view that can not be enwrapped, rejecting any exotic foreignness from the start. The names of the localities reflect the globalized nighttime entertainment: Ballermann 69, Tip-Top Restaurant, Radio City, Suzie Wong, or the title: Super Pussy. It appears that the places can be distinguished from each other only by their names and the typography of the signs. An enormous Egyptian mask on a façade, or objects that probably look like neon fountains or suns at night, point to the desire for the glamour of Las Vegas. The photographs clearly emphasize the narrowness of the streets and the proximity of the clubs. High-rise buildings can be discerned behind the buildings of the nightclub district, which are only a few floors high. It almost seems as if the dirty business of the street is monitored from the towers and that the flow of money is controlled from there. Elisabeth Neudörfl made her Bangkok photographs in the three streets that are home to a sex industry that is oriented mainly towards foreigners from the West. On the book’s back cover, a short text points out that – despite the ban on prostitution in Thailand – this sector generates about 10% of the gross domestic product. In fact, these three streets are just about 600 meters long in total. Neudörfl stresses the spatial limitation by repeatedly showing signs and facades from different perspectives.

Neudörfl’s photographs deal with prostitution in regard to illegality tolerated by regulatory policies, without ostensibly turning to the human side. They do not show the situation at night, when people frolic there and everything is bathed in mysterious, exciting neon colors, where the outlines blur and details vanish in the dark. Neudörfl takes photos during the day. The photographs are deserted, so that feelings of sympathy or antipathy towards people are always precluded. The objectivity of the images is based on the perceivable external world and thus represents a strict documentary style. The photographer withdraws; she lets things speak for themselves. At the same time, however, she is very present, because her pictorial concept defies an aesthetic acquirement of the subject. For example, the selected sections of the image show no romanticism for decay that picturesquely exaggerates the situation, thus providing it with emotion. No matter how shabby the surfaces of objects are, Neudörfl unmasks their crude functionality. The appearance of Neudörfl’s photographs – one suspects – is far from the experiences of Western sex tourists. After all, Neudörfl is not interested in the people and their activities: She looks at the outwardly visible façades with precision, in front of which the moral shabbiness and the economic hardship of the business become visible.

The large-format pictures and the book design contribute to the architectural experience of the surfaces: At a normal viewing distance for a book, the photographs are too large to grasp all at once. The view is initially concerned with the highly visible details, which are always in sharp focus, before movement to a greater distance allows consideration of the entire picture. The metal spiral that breaks through the images takes on a special role here: It seems to incorporate elements from the photographs and gives them a presence in space. Thus, the binding is not a disturbing element when viewing the images, but is rather a sensible addition to the pictorial experience.

With Super Pussy Bangkok, Elisabeth Neudörfl expands the photographic opportunities in documentary photography. Using pictorial means, she examines a visible portion of real conditions that are associated with (at least) political and economic interests. Due to the precision of her photos and their movement away from exotic conceptions of Thailand, she achieves an impressive presentation. Because the photographs illustrate vacancies and resist insights, they portray a questionable social situation that defies specific representation in any case.


Super Pussy: Zu den Fotos in dieser Literaturbeilage
Brigitte Werneburg

in: literataz. Literaturbeilage zur tageszeitung vom 22. März 2007

Der Band fällt durch sein sperriges, übergroßes Format und die lässige Ringheftung auf. Vor allem aber durch den provokativen Schriftzug "Super Pussy Bangkok", der den magentafarbenen Umschlag ziert. Auf der Rückseite findet sich folgender kurzer Text: "In Thailand werden nach Schätzungen jährlich ca. 25 Milliarden Dollar mit Prostitution umgesetzt und 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet (Deutschland: 0,38 Prozent). Prostitution ist in Thailand illegal. Ein Teil der Sexindustrie in Thailand richtet sich explizit an Kunden aus den USA, Großbritannien und Deutschland. Die entsprechenden Bars in Bangkok finden sich in den Straßen Patpong, Nana Tai und Cowboy. Patpong 1, die parallel verlaufende Patpong 2 und Cowboy sind jeweils ca. 200 Meter lang." Es folgen die üblichen Angaben zu Druck, Papier, Auflage etc. Das Copyright 2006 des Bands, der über www .schaden.com vertrieben wird, liegt beim Institut für Grafik und Buchkunst an der HGB Leipzig und Elisabeth Neudörfl. Sie zeichnet auch für Konzeption, Fotografie und Gestaltung verantwortlich. Mehr Worte werden nicht gemacht.

Schlägt man den Band auf, folgt Bild auf Bild: Wir haben damit dieses Literaturmagazin von der ersten bis zur letzten Seite bebildert. Samt und sonders Schwarzweißfotografien, eindrucksvolle Querformate, die die Ringspirale in der Mitte trennt. Es gehört zum Stil von Elisabeth Neudörfl, die 1997 bei Joachim Brohm an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ihre Ausbildung abschloss, auf Worte und Farbe zu verzichten. Das war schon in ihrem vorherigen Fotoband, "Future World", so, der in detailreichen Schwarzweißfotografien ein weder zeitlich noch geografisch näher bestimmtes urbanes Asien zeigte; städtische Superstrukturen wie die mehrfach übereinanderkreisenden Verzweigungen der Hochstraßen, dicht bevölkerte Einkaufsstraßen oder Hochhausschluchten im Wechsel mit stillen, konzentrierten Porträts junger Menschen.

Auch "Super Pussy Bangkok" dokumentiert eine solche urbane Superstruktur. 600 Meter Straße, in denen wahrscheinlich ebenso viel, wenn nicht mehr, Kapital umgesetzt wird wie auf 600 Metern himmelstrebender Bürohochhäuser im Bankenviertel der Stadt. Ähnlich der Geschäftigkeit der Finanzwelt zeigt sich die Produktionsstätte der Sexindustrie in Neudörfls menschenleeren, bei Tag aufgenommenen Fotografien als hermetischer, anonymer Raum. Elisabeth Neudörfl maßt sich nicht an, hinter die Kulissen zu schauen. Stattdessen schaut sie auf die Kulissen und sieht sie sich ganz genau an. Ein intelligenter Schachzug, denn jetzt werden die Kulissen erst richtig als Kulissen sichtbar - in ihrer ganzen erbärmlichen Wucht und billigen Anmaßung. Weder "Ballermann 69" noch das "Tip Top Restaurant" haben es nötig, ins Ambiente zu investieren. "Super Pussy", "The Dollhouse" oder "Wild Cat" - banale Betonschuppen hinter kolossalen Neonzeichen tun‘s auch. So manifestiert sich an diesem Ort Macht in Architektur. Sie ist deshalb nicht geringer als die, die mit Glas, Stahl und Marmor baut.

Es spricht für die politische Sensibilität der 1968 geborenen Fotografin, dass der imaginäre Hintergrund, vor dem ihre Bilder von Bangkoks Rotlichtvierteln kritischen Sinn ergeben, unweigerlich als der Finanzdistrikt zu identifizieren ist.

Doch obwohl Neudörfls sorgsam komponierte Bilder, die sie mit einer mittelformatigen Spiegelreflexkamera vom Stativ aus aufnahm, recht besehen weniger Tatort- als vielmehr Täterfotografien sind - sie sprechen auch von den Opfern. Weil sie aber politisch und nicht moralisch argumentieren, argumentieren sie komplex. "Super Pussy" macht deutlich, dass auch die Freier Opfer sind, hinters Licht geführt und in dem Moment kastriert, in dem sie ihre hart erarbeiteten Ersparnisse vom Konto abräumen, für den Superfick in Thailand. Sie mögen sich als Kunden hofiert glauben, tatsächlich sind sie arme Würstchen, nicht anders als die Prostituierten Ausgebeutete, Kalkulationsmasse im Geschäft mit dem Sex.


Elisabeth Neudörfl: Der Stadt
in Miriam Paeslack: Dis-United. Urbane Fotografie im Nachwendedeutschland

deutsch

in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Jonas Verlag 2006, Heft 102, S.47-56

Das Projekt Der Stadt entstand 1998. Es besteht aus 150 schwarz-weißen Fotografien, die urbane Situationen in Berlin zeigen. Präsentiert werden sie in digitalisierter Form auf einer interaktiven CD-Rom in einem fortlaufenden Band von Bildern, einem Fries ähnlich. Hierfür wurden die kleinformatigen Schwarz-Weiß-Bilder gescannt und mit Hilfe des Computerprogramms Macromedia Director animiert. Die Bildsequenz bzw. die Anordnung der Bilder innerhalb dieses „Films” basiert auf dem Zufallsprinzip. Indem man mit dem Cursor das Band der Bilder berührt, animiert man es auch. Es beginnt zu laufen, mal schneller, mal langsamer, je nach Position des Cursors. Auf Mausclick hin kann man sich außerdem innerhalb eines einzelnen Bildes bewegen (Abb. 1 und 2). Auf diese Weise ist dem Betrachter/der Betrachterin eine eigene – jedoch begrenzte – Manövrierhandhabe durch die urbane Bilderwelt gegeben. Denn will man sich an einen schon gesehenen Ort zurückbewegen, so muss man erfahren, dass die Bildsequenz vom Programm neu geordnet worden ist. Ein Sich-Einlassen auf einen Ort wird dadurch nur sehr begrenzt möglich. Der Betrachter/die Betrachterin ist nicht nur auf sein/ihr Kontextualisierungsvermögen angewiesen, will er/sie sich zu dieser Stadt verhalten; man wird selbst an diesem Bemühen durch die Willkürlichkeit der Begegnungserfahrung gehindert.

Der Stadt vermittelt ein Berlinbild der Fragmentierung und des Übergangs. Wir sehen unterschiedlichste Aspekte der Stadt, von ihren zentralen Boulevards über Vorstadtbrachen und Baustellen bis zu Einzelbauten, in Bewegung begriffenen Verkehr, etc. Die Bilder entstanden zu verschiedenen Tages und Jahreszeiten. Durch ihre zufällige Aneinanderreihung verlieren sie den Charakter einer konsistenten beziehungsweise chronologischen Narration, der durch die äußere Form im Bilderstrom oder im „Filmstreifen” zunächst nahe zu liegen schien. Das hier entstehende Berlinbild verweigert sich also jeglichem Gedanken an topografische beziehungsweise narrativ herstellbare Vollständigkeit. Kann man überhaupt eine Struktur ausmachen, so scheint diese in einem eigentümlichen Netzwerk, einem unsichtbaren System von Pfaden zu bestehen, in welchem die Bewegungen und Motivationen weder der Stadtbewohner noch der Fotografin identifizierbar sind. Da man sich in Neudörfls Stadt anhand solcher ganz eigenen Regeln bewegt, deren Grundparameter darauf beruhen, ein straffes und ordnendes visuelles Regime durch einen auf dem Zufallsprinzip basierenden Kanon in Frage zu stellen, müsste man hier anstatt von Flanerie wohl eher von einem situationistischen dérive sprechen, den Guy Debord als eine Bewegung durch die Stadt beschreibt, bei der die Menschen „in grosser Geschwindigkeit durch unterschiedliche urbane Umfelder treiben.”


Elisabeth Neudörfl: Der Stadt
in Miriam Paeslack: Dis-United. Urbane Fotografie im Nachwendedeutschland

english

in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Jonas Verlag 2006, Heft 102, S.47-56

The Der Stadt project originated in 1998. It consists of 150 black-and-white photographs showing urban situations in Berlin. They are presented in digital form on an interactive CD-ROM in a continuous band of images, similar to a frieze. For this purpose, the small-format black-and-white images were scanned and animated using the software program Macromedia Director. The image sequence and the arrangement of the images within this “film” are random. Moving the cursor over the band of images animates it. It starts to run, sometimes faster, sometimes slower, depending on the position of the cursor. In addition, when the mouse is clicked, you can also move within an individual image (Figs. 1 and 2). In this way, the viewer is permitted to maneuver through the urban world of the pictures on his own – but in a restricted way. When we want to move back to a place we have already seen, we discover that the image sequence has been rearranged by the program. Involving ourselves in a place thus becomes very limited. The viewer not only depends on his ability to contextualize, he also want to react to this city – but his efforts are prevented by the arbitrary nature of the encounter’s experience.

Der Stadt provides a picture of Berlin, of its fragmentation and transition. We see different aspects of the city, from its central boulevards to suburban wastelands and building sites to individual buildings, traffic suspended in motion, etc. The photos were taken at different times and seasons. Due to their random sequence, they lose the character of a consistent or chronological narrative that seemed obvious at first due to the external form of a stream of images or of a film strip. The picture of Berlin that emerges here thus denies any thoughts of completeness that can be produced in terms of topography or narrative. If any structure can be discerned at all, this seems to consist of an individual network, an invisible system of paths in which the movements and motivations of neither the city’s residents nor the photographer can be identified. Since we move in Neudörfl’s city based on such very individual rules – the fundamental parameters of which are based on replacing a tight and ordering visual regime by a canon based on the principle of randomness – we would have to speak not of taking a stroll, but much more of a situationist dérive, which Guy Debord describes as movement through the city, in which people “drift at high speed through various urban environments.”

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