Thomas Ravens
  TAZ 1.11. 2003 von Harald Fricke (deutsch)

TAZ 1.11. 2003 by Harald Fricke (english)

Pressetext: Galerie Barbara Wien, Berlin (deutsch)

press release: Barbara Wien Gallery, Berlin (english)

TAZ 1.11. 2003 von Harald Fricke
Der Aufbau ist denkbar einfach. Im Vordergrund schaut man in einen
quaderförmig aufgeklappten Raum, über dem eine zweite, manchmal auch eine dritte Ebene schwebt, die sich perspektivisch zum rechten Bildrand verjüngt.
So haben Architekten schon immer die Entwürfe ihrer Gebäude in ein
Straßenambiente eingefaßt, so wurden seit der Renaissance öffentliche Plätze Zeichnerisch erfasst. Nur das Schweben von Menschengruppen oder abstrakt Verschlungenen Haushaltsobjekten ist nicht ganz auf Linie, aber das waren
Futurismus und de Chiricos Pittura Metafisica auch nicht.
Die Tuschezeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde, die bei WBD zu sehen sind, lassen keinen Zweifel. Thomas Ravens ist ein sophisticated artist, der aus ziemlich allen quellen schöpft. Das macht seine Arbeiten zu einer Quizshow für angehende Kunsthistoriker. Habe ich die Liegewiese aus farbigen Plastikbahnen, auf der sich ein Dutzend Männchen ausstreckt, nicht schon einmal auf der documenta gesehen? Vielleicht sind die streifen aber auch einem Designkatalog der Siebzigerjahre, als tolles Retromuster, das zu den prilblumigen Wohlfühldekorationen der Clubs passt, wo Nacht, Leben und
Lounge ineinander übergleiten. Nur nach einer Tanzfläche sucht man vergebens, statt dessen chillen die Miniaturfiguren bei Ravens in ihrem fliegenden Party-Ufo über einer in grünen Tupfern und Pinselstrichen aufgelösten Hügellandschaft.
Doch das ist auch nur eine Möglichkeit zur Freizeit unter vielen. Zwei
Zeichnungen weiter versammeln sich gewaltige Menschenmengen in einer Arena, die von dreckigen Wohnblöchen und eisengrauen Laufstegen eingerahmt wird.
Die Massen strömen einem weißen Rechteck im Cinemascope-Format entgegen.
Freiluftkino oder Kundgebung? Man weiß es nicht. Denn Ravens verschränkt in seinen Bildern immer wieder mit Geschick die Ansicht von fiktiven Plätzen und einer nicht näher definierten Gesellschaft, die auf ein Ereignis zu
warten scheint. Dabei kommt ihm der Stillstand auf Papier sehr gelegen. Das Spektakel selbst ist zu einem Monument geworden, egal ob als Rockkonzert, Filmpremiere, Sightseeing-Tour oder Kunstevent.
Dennoch sind die Zeichnungen nicht bloß Illustrationen für die Richtigkeit der Texte aus der guten alten Zeit des Situationismus. Guy Debords Exerzitien zur Kulturindustrie dürfte der 1964 geborene Ravens schon Ende der Achtziger gelesen haben, als er in Bielefeld Philosophie und Linguistik studierte. Danach kam bei ihm aber die Ausbildung an der HdK, wo sich mit der künstlerischen Praxis immer wieder neu die Frage nach Positionierung stellt: soll ich mitmachen im System oder widerstehen?
Die Entscheidung ist bei Ravens nicht eben eindeutig ausgefallen. Die
Faszination an den Errungenschaften der Erlebniswelt hält er zwar auf
Distanz, indem er sie auf die Größe von Spielzeugmodellen herunterschraubt und wie eine Folge von Comicszenen aufreiht.
Aber in dem detailbesessenen Blick liegt auch Verniedlichung, wenn nicht
Fetischismus. Manchmal verschwindet vor lauter Kunstfertigkeit das Interesse am Gegenstand, dann sind die Nuancen eines in zahllosen Brauntönen abgestuften Ornaments von Deckenpatten wichtiger als der mit Menschen gefüllte Raum darunter- auch oder gerade weil dort nichts geschieht.
Anererseits geht es Ravens mit seinen settings nicht um Abbilder von
Wirklichkeitserfahrung. Die Gebäude sind erfunden, aus unterschiedlichen
Quellen zusammenmontiert, die nun als Guckkasten dienen, oder wie es in einem Begleittext heißt: ?Auf der Suche nach dem genius loci begegnet man dem schizo loci. Angefangen hat es bei Ravens 1995 mit Zeichnungen zu den
Länderpavillions auf der Biennale in Venedig. Stets sieht man eine Person, die aus einem Gebäude auf den Betrachter zugeht. während von der Architektur im Hintergrund nur eine abstrakte Mauer übriggeblieben ist, deren nationale Zuordnung man lediglich an der Signatur erkennen kann: Das war ?Spanien?, jetzt kommt ?Dänemark?. In dieser ziellosen Abfolge spiegelt sich die
Ortlosigkeit wider, die einem alle zwei Jahre im Zentrum der internationalen Kunst entgegenschlägt- im Rausch des Events lösen sich die Konturen auf, an die Stellung von diskursiven Entscheidungen tritt eine gleichgültige Pluralität, irgendwo zwischen Fachmesse und Leistungsschau.
Ravens weiß, daß diese Kritik auch Teil des Marktes ist. Die Darstellung der Probleme mit dem Geschäft gehört zum Geschäft. Deshalb aber mit Zeichnen aufhören? Auf keinen Fall. Auch die neuen Arbeiten haben diesen gewissen
teuflischen Glanz der Oberfläche, jede Zeichnung ist wie der freudige Blick in eine Pralinenschachtel. Vielleicht erkennt der Betrachter am Ende, daß er sich selbst betrachtet hat, in den schicken Szenarien des Kunstbetriebs, der bei Ravens zur allgegenwärtigen Nutzlandschaft geworden ist; vielleicht wird Ravens demnächst aber auch Szenen seiner eigenen Ausstellungen mit ins Eventprogramm aufnehmen können. Noch war er auf keiner Biennale oder documenta vertreten, aber das kann sich ändern, dafür sind seine Zeichnungen gut genug.


TAZ 1.11. 2003 by Harald Fricke
One can imagine the simple construction. In the foreground one sees a rectangular room, unfolded- over which a second and sometimes a third levels way, the perspective tapering into
the right border of the image. This is how architects have always sketched the ambiance of the streets bordering the buildings they designed. This is how public spaces have been graphically
documented since the Renaissance. However the swaying groups of people and the integration of abstract household objects, is not completely along those lines- but neither was Futurism or de Chiricos Pittura’s metaphysics.
The ink drawings, watercolors and oil paintings on view at WBD (gallery in Berlin), leave no doubts. Thomas Ravens is a sophisticated artist who draws from pretty much all sources. This makes his work a quiz show for prospective art historians. Didn’t I see the sunbathing area, constructed of colored plastic channels, with dozens of people sprawled upon it at Documenta at some point? Or maybe those strips are from a 70s design catalogue, a fabulous retro-pattern that matches the flowered, feel-good decorations where night, life and lounge fade into one another.
One is left searching desperately for a dance floor but instead; Ravens’ miniature figures are chilling in a flying party UFO, cruising over a green polka dot and striped hill-landscape.
Yet this is only one of many options for freedom. Two drawings later a violent mass of people gather in an arena, surrounded by dirty project housing and iron-grey catwalks. The masses stream toward a cinema scope format, white rectangle. An open-air cinema or a demonstration? One doesn’t know. Because Ravens slickly focuses the perspective of his images onto a fictitious place and a non- definable society that seems to be waiting for something to happen. At the same time, the stillness of the paper seems to suit him. The spectacle itself has become a monument- regardless if it is as a rock concert, a film premier, a sight seeing tour or an art event.
However, the drawings are not merely illustrations supporting texts from the good old days of Situationalism. While studying philosophy and linguistics at Bielefeld, Ravens, born in 1964, most likely read Guy Debords writings on cultural industry. However, what followed was his education at HdK, where practical art lessons lead to questions of position: should I participate in the system or resist it?
Ravens decision is not obvious. He may maintain a fascination with the characteristics of the world of adventure at a distance by deconstructing them to the size of model airplanes and placing them in rows like a comic book sequence. But the detail-obsessed perspective also contains belittlement, if not fetishism. The abundance in artifice sometimes causes one’s interest in the actual object to disappear- the nuances in ceiling tiles in countless shades of brown becomes more important than the room below, filled with people perhaps precisely because nothing is happening down there.
On the other hand, Ravens objective in his settings is not to reflect real-life experience. The buildings are invented, assembled with pieces from various sources and serving, finally, as a raree show- or as written in an accompanying text, “On the way to searching for the genius loci, one encounters the scizo loci.
Ravens began in 1995 with drawings of the national pavilions at the Venice Biennale. One sees a person, coming out of a building, towards the viewer. While only an abstract wall remains of the architecture from the background, one recognizes its national classification by the sign: was that Spain, now comes Denmark? Again, this aimless order reflects the placelessness by which one is struck every other year at the center of international art. In the intoxication of the events, the contours disintegrate and discursive decisions are replaced with indifferent pluralities- somewhere between trade fair and industrial exhibition.
Ravens knows that this critique is also a part of the market. The depiction of the problems of the business is part of the business. A reason to stop drawing? Definitely not. The new works have that same devilish shine on the surface, like the joyous glance into a box of pralines.
Maybe at the end, the viewer realizes he has been observing himself, in the chic scenarios of the art world that Ravens has turned into an omnipresent landscape of profit. Perhaps Ravens will soon be incorporating scenes from his own exhibitions into his program of events. He has not yet been represented at a biennale or documenta but this may change. His work is good enough.


Pressetext: Galerie Barbara Wien, Berlin (deutsch)
Eröffnung Freitag 6. Mai 2005, 19 - 22 h
Dauer der Ausstellung bis 2. Juli 2005

In den letzten Jahren hat der in Berlin lebende Künstler Thomas Ravens (* 1964) fast ausschließlich Landschaften und Räume gezeichnet, in denen er fiktive Konstellationen mit gefundenem Material kombiniert.
Etwa 20 dieser Landschaften, alles Aquarelle, wird er in seiner Einzelausstellung in der Galerie zeigen.

Was auf diesen Aquarellen zu sehen ist, erinnert an Metropolis, an Zukunftsvisionen, die grotesk und unheimlich wirken. Man sieht Stadien, gefüllt mit Massen von Menschen, die neben Abgründen scheinbar ungerührt Platz nehmen; riesige Hallen, in denen Pflanzen, vitrinenartige Anlagen von Sitzgruppen und
Emporen überlagert werden - es könnten Ausstellungsszenarien oder Messen sein, Massenveranstaltungen, deren wirklicher Zweck undefinierbar erscheint. Ein Schauplatz wird meist in zentralperspektivischer Anlage dargestellt - bei genauerem Hinsehen gibt es überall Durchbrüche in andere Räume und Perspektiven.

Was wie Science Fiction erscheint, kommt aus genauer Betrachtung der Gegenwart.Thomas Ravens erfindet in seinen Bildern viel weniger als man zuerst annimmt - er verwendet ein Bildarchiv, Ausschnitte aus Tageszeitungen und Büchern, die er als Ausgangsmaterial benützt. Es sind Bilder zur modernen Architektur wie Eero Saarinens TWA Flughafen-Terminal, Bilder von Aufräumarbeiten nachHochwasserkatastrophen, Sportveranstaltungen, Kriegsschauplätze, Gedenkveranstaltungen am New Yorker “Ground Zero”.

Die Kombination solcher realer Begebenheiten mit den erfundenen Versatzstücken ergibt die Landschaft, die Ravens darstellen will - es ist eine politische Landschaft voller Massenrituale. Thomas Ravens schreibt in einem statement zu seinen Bildern: “Landschaft wird als verbautes Erhabenes inszeniert, in dem meist viele vielem zuschauen und viele vielen beim Zuschauen zuschauen: wahrscheinlich ist das Fußballstadion die zeitgenössischste aller Landschaften.”

press release: Barbara Wien Gallery, Berlin (english)
opening: Friday 6. May 2005, 19 - 22 h
length of the exhibition, until 2. July 2005

In the past years, the Berlin based artist Thomas Ravens (*1964) has focused his drawings almost exclusively on landscapes and spaces, within which he combines fictitious configurations with found materials. About 20 of these landscapes, all watercolors, will be shown in his solo-show at the gallery.

The watercolors prompt associations to a metropolis, a vision of the future that seems eerie and uncanny. There are stadiums filled with masses of humans who take a seat, seemingly undisturbed, next to an abyss; enormous halls in which seated groups of people in vitirine-like creations and plants are superimposed with tribunes. It could be the scene of an exhibition or a fair, a massive event, thats actual purpose seems indefinable. The scene is usually depicted from a central perspective – upon closer examination there are various breaks into other spaces and perspectives.

What appears to be science fiction, comes from a precise observation of the present. In his paintings, Thomas Ravens fabricates much less than one initially assumes - he uses an image archive, newspaper clippings and books as his basis.
They are images of modern architecture, such as Eero Saarinen’s TWA airport terminal, images of clean-up after flood catastrophies, sporting events, battlefields, memorial services on New York’s “Ground Zero“.

These real events combined with staggered fabrications result in the landscape that Ravens wishes to display - it is a political landscape filled with rituals of the masses.

Thomas Ravens writes in a statement on his images: “Landscape is interpreted as an over-built convex, usually in which many are observing many and many are observing many observe: the football stadium is probably the most contemporary of all landscapes.“