Glasgow Tales of Laugh (Series with 10 boards), 2013

The Intermediate, Pair Incarnate – Gwynplaine and Dea, 2015

Sonic Dance – Ursus and Homo, 2015

Sonic Laugh – Gwynplaine, 2015

Sonic Rotating Geometry Type G – Copper and Nickel Plated #49, 2015

Sonic Blindness – Dea, 2015

Haegue Yang
Temporary Permanent

1. Mai – 22. August 2015


Haegue Yang zeigt in ihrer vierten Einzelausstellung Temporary Permanent in der Galerie Wien Lukatsch unterschiedliche Arten visueller Sprache, die aus einem komplexen literarischen Narrativ entstehen; Text-Bild-Collagen, Sonic Sculptures und neue Strohskulpturen. Temporary Permanent stellt Yangs neueste Entwicklung vor, die die intensive Beschäftigung mit Vorstellungen von „Folk“ mit den Möglichkeiten verbindet, literarische Vorlagen in skulpturale Konzepte zu übersetzen.

Im Zentrum der Ausstellung steht der Roman Der lachende Mann von Victor Hugo (erstmals publiziert 1869).
Hugo verfasste das Buch während seines freiwilligen Exils auf den Channel Islands (England), wo er wegen seiner Unterstützung der französischen Republikaner lebte. Der aus seiner Heimat Frankreich vertriebene Hugo kritisiert die Klassengesellschaft, indem er allegorische Figuren entwickelt, die er als symbolisch aufgeladene Charaktere zeichnet. Zum Beispiel Gwynplaine, die Hauptfigur, überschreitet die Klassenschranken aufgrund einer physischen Deformation, die ihn dazu verdammt, für immer ein Lachen zu tragen, das ihm ins Gesicht geschnitten wurde. Diese „Maske“ macht ihn zu einem außergewöhnlichen Wesen, einem Monster, einem Außenseiter der Gesellschaft, der weder zur Aristokratie gehören kann noch zum Volk. Diese tragische und verdammte Figur bildet den Gegensatz sowie eine fesselnde Beziehung zu Dea (Göttin), einem wunderschönen, blinden Mädchen. Sie ist die einzige, die das wahre Gesicht von Gwynplaine „sehen“ kann. Daneben treten noch andere faszinierende Gestalten auf, wie etwa Ursus (bedeutet Bär, ist jedoch ein alter Quacksalber) und sein Begleiter Homo (bedeutet Mensch, ist eigentlich ein Wolf).

Die zentrale Arbeit der Ausstellung, Glasgow Tales of Laugh (2013), die sich im Südraum der Galerie befindet, entstand während eines Aufenthalts in den Glasgow Sculpture Studios. Die Arbeit besteht aus 10 Tafeln aus übrig gebliebenen MDF Platten, auf denen komplexe Inhalte zusammengestellt sind: Zitate aus dem Buch, schwarz-weiß Fotografien, Gipsobjekte und Titelbuchstaben, die mit einem 3D-Drucker hergestellt wurden. Es werden Ereignisse von „Außenseitern“ in einer von Klassenunterschieden geprägten Gesellschaft erzählt, in Kombination mit Yangs eigenen schwarz-weiß Fotografien vom Botanischen Garten, der Glasgow Necropolis und Gips-Objekten. Jede Tafel ist entweder einer Figur, einer Idee oder einem Ereignis aus Hugos Roman gewidmet. Dennoch sind unsere Assoziationen nicht nur an das Narrativ des Buchs gebunden, das Collagieren der Orte, Geschichten und Materialien auf den 10 Tafeln erweitert die heute Betrachtung der ursprünglichen Verweise und führt zu weiteren Assoziationen.

Während ihres Aufenthaltes in Glasgow erforschte Yang verschiedene Arten von städtisch kultivierten Orten wie zum Beispiel den Botanischen Garten und die Glasgow Necropolis und teilt ihre Fotografien von beiden als entweder „zivilisiert“ oder „wild“ ein. Dabei spielt sie mit der ambivalenten Definition dieser Begriffe und erprobt eine eigentümliche Balance zwischen beiden. Der Botanische Garten wurde als wilde, exotische und außergewöhnliche Pflanzenanlage entwickelt, die den Bürgern zugänglich gemacht hat, was ursprünglich nur königlichen und aristokratischen Schichten vorbehalten war. Die Glasgow Necropolis ist ein Friedhof, benannt nach dem griechischen Wort für Totenstadt. Sie ist nahe der Kathedrale gelegen, ein religiöser Ort und ein Zentrum der menschlichen Ansiedlung in früheren Zeiten.
Kultivierte Orte wie der Botanische Garten sind durchdrungen von der Idee der Wildheit, während in der Necropolis die Ideen der Sterblichkeit und des weltlichen Lebens auf paradoxe Weise in einer bestimmten städtischen Ordnung verbunden werden. Die Bilder von künstlich hergestellter Wildheit und bürgerlichen Orten verbinden sich in Glasgow Tales of Laugh mit den Zitaten aus Der lachende Mann. Nur die letzte Tafel weicht was das Material und die Komposition angeht stark von den anderen ab. Auf ihr verteilt Yang handgeschriebene Notizen auf Post-its, in denen sie über ihre erniedrigende Erfahrung rassistischer Schikane durch einen Angestellten am International Airport in Glasgow berichtet. Der International Airport erscheint als ein Ort vermeintlicher Gleichheit, an dem man sehr wohl aggressive und brachiale Erfahrungen machen kann und Gefühle der Verletzlichkeit ausgelöst werden können.

In Temporary Permanent geht es Yang darum, mit unterschiedlichen Methoden des Skulpturalen zu experimentieren, denen literarische Texte zugrunde liegen. Im Nordraum der Galerie zeigt sie Sonic Laugh – Gwynplaine, Sonic Dance – Ursus and Homo und Sonic Blindness – Dea (2015), in denen sie ähnliche Annäherungen an die Hauptfiguren des Romans verfolgt. Sonic Laugh – Gwynplaine ist eine deformierte Kugel, die mit nickel- und kupferbeschichteten Glocken bedeckt, von sechs Metallstäben durchbohrt und mit glitzernden Glockenketten verziert ist. Sonic Dance – Ursus and Homo spielt auf den bärenhauttragenden Vagabunden an, der mit seinem Wolf namens Homo reist. Er adoptiert Gwynplaine und Dea und erlöst sie damit von ihren qualvollen Kindheitserlebnissen. Diese Figur ist in Anlehnung an Yangs Sonic Dance-Serie (2013-) entstanden. Die Skulptur Sonic Blindness – Dea hängt als ein konkaves Oval von der Decke, sie ist wie ein traditioneller koreanischer Löffel geformt und mit geräuschlosen Glocken bedeckt. Dea, zusammen mit Sonic Dance – Ursus and Homo, reflektiert die mysteriöse Schönheit dieser Werkgruppe und das tragische Schicksal der Ersatzfamilie, die auf gegenseitiger Wertschätzung und Liebe aufgebaut ist, wodurch der Zwiespalt zwischen den Vorstellungen von Mensch, Monster und Natur überwunden wird.

Beim Betreten der Ausstellung begegnet man im Foyer The Intermediate – Pair Incarnate, Gwynplaine and Ursus (2015). The Intermediates (2015) ist eine neue Werkgruppe, in der Stroh als Material eingeführt wird. Sie rückt die Universalität des Materials und dessen Verarbeitung im Handwerk in den Mittelpunkt und untersucht die Vorstellungen von „Folk“, jedoch entgegengesetzt zu konventionellen und engstirnigen Vorstellungen vom „Wir“ durch den Verweis auf ethnische Kunst, regionales Kunsthandwerk und Mischformen. Durch die Verwendung von künstlichem Stroh eignet sich Yang die Idee von Herkunft und Tradition an und entkommt auf humorvolle Weise dem Rahmen Nation/Staat, um in einen Bereich der Mischkultur vorzustoßen, die über Ähnlichkeit und Verschiedenheit hinausgeht. Die künstliche Darstellung von Natur stand schon in früheren Werken wie Warrior Believer Lover (2011) im Mittelpunkt, dort benutzte Yang industriell hergestellte Naturimitate, zum Beispiel Plastikpflanzen.

Aufgeladen durch die anthropologische Bedeutung von Glocken, bilden die Sonic Sculptures einen weiteren Resonanzraum in der Ausstellung, indem sie eine Welt der archaischen Mythen jenseits des Determinismus der modernen Zeit eröffnen. Im Nordraum der Ausstellung befinden sich Sonic Rotating Geometries (2013-), Skulpturen, die man drehen kann. In Bewegung gesetzt, erscheinen die rasselnden, viereckigen, fünfeckigen und sechseckigen Formen durch optische Illusion rund. Durch Drehung entsteht ein Effekt der Farbvermischung des roten Hintergrunds mit den Farben der Glocken. Der Eindruck, der durch die Bewegung der Skulpturen entsteht – das Zusammenspiel von der sich verändernden Form, dem Geräusch der Glocken, der optischen Täuschung und der Farbvermischung – führt den Betrachter dazu, sich vorzustellen, es gäbe eine erweiterte Möglichkeit, in der gewöhnliche Objekte in Schwingung versetzt werden und nachhallen.

Durch die Bewegung der Glocken und den Aspekt des Klangs im Werk von Yang verweist sie auf den Ton als Weltenöffner (wie es in alten Mythen erzählt wird). Yangs Arbeit scheint den mechanistischen Determinismus der Naturwissenschaften auszuschöpfen, aber sie versucht auch mit aller Kraft auf eine neue Ordnung hinzuweisen.


Im Februar 2015 eröffnete Haegue Yang eine große institutionelle Überblicksausstellung Shooting the Elephant 象 Thinking the Elephant im Leeum, Samsung Museum of Art, in Seoul (zu sehen bis 10. Mai 2015). Sie nimmt an der Sharjah Biennale 12 (bis 5. Juni 2015) teil. Nach einer Künstlerresidenz im Atelier Calder (Saché, Frankreich) im Sommer 2015 wird ihre erste Einzelausstellung in China (UCCA, Peking) im Oktober diesen Jahres eröffnet.

Haegue Yang
Temporary Permanent

May 1 – August 22, 2015


Wien Lukatsch is pleased to present Haegue Yang’s Temporary Permanent, the fourth solo exhibition by the artist at Galerie Wien Lukatsch, Berlin. The exhibition presents different modes of Yang’s visual languages emerging from a complex literary narrative; a series of word and image collages, Sonic Sculptures and new Straw Sculptures. Temporary Permanent portrays Yang’s most recent development of studiously adhering to notions of ‘folk’ as well as engaged experiments transcending literary references.

The central motif of the exhibition comes from Victor Hugo’s novel The Man Who Laughs, first published in 1869 and written while the author was voluntarily exiled on the Channel Islands, England, due to his support for republicanism. Displaced from his native France, Hugo criticizes the construction of the class system while depicting vividly the allegorical figures with powerfully charged symbolic characters. For example, Gwynplaine, the protagonist, transgresses class boundaries through his physical deformation in which he is destined to wear a permanent laughter carved on his face. Such a ‘mask’ makes him an extraordinary being, a monster and outsider of society, who is not only disqualified from belonging to the aristocracy, but also to the people. This tragic and condemned figure builds a contrasting as well as compelling relationship with Dea (goddess), a beautiful blind girl, the only one who ‘sees’ the truthful face of Gwynplaine, alongside other fascinating figures such as Ursus (literally bear, in fact a wandering medicine seller) and his companion Homo (literally human, actually a wolf).

Produced during Yang’s residency at Glasgow Sculpture Studios, Glasgow Tales of Laugh (2013) is the central piece in the exhibition, located in the room facing south. The work consists of ten panels of scrap MDF, which brings together a number of complex contents: the quotations from the book, black and white photography, plaster objects and title letters made of 3D printing. It narrates the events of ‘outsiders’ in a society shaped by class distinctions, combined with Yang’s photographs of the Botanic Gardens and the Glasgow Necropolis with plaster objects. Each panel is dedicated either to a figure, a notion or an event from Hugo’s novel, yet our associations are not bound by the narrative of the book as the configuration of locations, histories and materials expand a contemporary contemplation on the original reference, creating further resonances.

During her residency in Glasgow, Yang explored different types of cultivated spaces, namely the Botanic Gardens and the Necropolis. Yang idiosyncratically categorized the photographs of both places as either ‘civilized’ or ‘wild’, juggling the ambivalence towards the definition of these notions, testing a strange balance between the two. The Botanic Gardens were developed as a wild, exotic and extraordinary plantation, making accessible to citizens what used to be enjoyed only by the royalty and aristocracy. Necropolis is a cemetery named after the ancient Greek word meaning the city of death, and is located close to the Cathedral, a religious place as well as a center of human settlement in the past. Tamed places such as the Botanic Gardens are charged with the idea of wildness, while a Necropolis paradoxically incubates the idea of the mortal and secular in a particular and proximate order in a city. These imageries of man-made wild and civil places are married to the quotes from The Man Who Laughs. However, the final panel completely deviates in terms of its material and composition. Here, Yang places handwritten Post-it notes about her humiliating experience of racial harassment by an employee at the Glasgow International Airport, a temporary and transitory site of equality, yet also violent and wild, evoking feelings of complete vulnerability.

Yang’s artistic ambition in Temporary Permanent is to experiment with different methods of sculpture making, drawing from whilst also transcending literary references. Presented in the exhibition room North, Sonic Laugh – Gwynplaine, Sonic Dance – Ursus and Homo and Sonic Blindness – Dea (2015) adopt similar approaches towards the main figures from the novel. Sonic Laugh – Gwynplaine is candidly rendered into a deformed sphere, with the copper and nickel plated bells stitched together and transpierced by metal sticks adorned with glittering bell chains. Sonic Dance – Ursus and Homo alludes to the bear skin-wearing vagabond who travels with his wolf called Homo and saves Gwynplaine and Dea from their childhood agony by adopting them. This figure is presented following the style of the Sonic Dance (2013-) series. Together with Dea, in the form of a hanging concave oval (shaped after Korean traditional spoons) covered with mute bells, their uncanny beauty reflects the tragic destiny of the substitute family that they built upon reciprocal appreciation and love, surpassing the antagonism between notions of the human, monster and nature.

Entering the exhibition, one faces The Intermediate – Pair Incarnate, Gwynplaine and Ursus (2015) in the foyer of the gallery. The Intermediates (2015), a new work cycle introducing straw as material in Yang’s oeuvre, focuses on the universality of the material and its craft. It examines the notion of folk, while opposing the conventional and insular notion of ‘us’ by referring to ethnic art, regional craftsmanship and hybrid strands simultaneously. By using artificial straw, Haegue Yang appropriates the idea of origin and tradition, humorously escaping the framework of nation/state to venture into a realm of hybrid culture that transcends similarity and difference. The artificial representation of nature as focus has been apparent in some earlier works like Warrior Believer Lover (2011), where the artist used plastic plants to represent nature in an industrial light.

Empowered by the anthropologically significant meaning of bells, Sonic Sculptures build another resonance in this show, opening up the world of archaic myths beyond the determinism of modern times. Mounted on the wall of the exhibition room facing North, Sonic Rotating Geometries (since 2013) are sculptures that can be rotated by hand. Once the sculpture is set in motion, the quadrangular, pentagonal and hexagonal shapes begin to appear circular by way of an optical illusion, accompanied by the rattling sound of bells. Through the states of suspension and rotation, a visual effect of color blending occurs as the painted background of red and the color of the bells are amalgamated. The phenomenological interaction generated by the physical movement 
of the work, its momentary shape, the sound of the bells tinkling, the optical illusion and the blending of colors lead the viewers to imagine a heightened possibility where ordinary objects tremble and individual entities reverberate.

Through this movement of bells, Yang’s work allusively suggests the work of sound as the beginning force that opens up the world (as is narrated in many ancient myths). Yang’s work seems to tenaciously exhaust the mechanical determinism of modern natural science or desperately cast a spell for the creation of a new order.


In 2015, Yang’s major survey show, Shooting the Elephant 象 Thinking the Elephant (until May 10) opened at Leeum, Samsung Museum of Art, Seoul. She is participating in Sharjah Biennale 12 (until June 5, 2015) with a new commissioned work of an outdoor installation, titled An Opaque Wind. After her residency at Atelier Calder (Saché, France) this summer, another solo show is scheduled in October 2015 at UCCA Beijing as her first major exposure in China.