Merlin, 2017

Krähe, 2017

Habicht, 2017

Ein amerikanischer Vogel, den ich nicht bestimmen kann, 2017

Eichelhäher, 2017

Graureiher, 2017

Peter Piller
behind time

Eröffnung: Freitag, 24. November 2017, 18–21 Uhr
Ausstellung: 25. November 2017 – 17. Februar 2018

Gespräch zur Ausstellung mit Peter Piller

In deiner fünften Einzelausstellung in der Galerie Barbara Wien zeigst du eine neue Serie eigener Fotografien. Es handelt sich um Aufnahmen von Vögeln, die du in freier Wildbahn beobachtet hast. Wenn man mit deiner Kunst nicht vertraut oder ein Vogel- und Naturkundler ist, würde man deine Bilder wahrscheinlich als einen Exkurs in die Welt der Vogel- und Naturfotografie beschreiben – wobei der Ornithologe wie der Naturfotograf eher von missglückten Aufnahmen und Anfängerfehlern reden würden, aber dazu später mehr. In deinem parallel zu den Fotografien entstandenen Text nach auflösung örtlicher frühnebel beschreibst du, wie dich bereits als Jugendlicher das Interesse an der Ornithologie gepackt hatte, es dann von anderen Vorlieben überlagert wurde und nun, Jahre später, wieder zum Vorschein kam. Ich stelle mir vor, wie du eines Tages losgezogen bist, anfangs noch ohne opulente Fotoausrüstung, in deiner Freizeit und ohne die Absicht Vögel zum Kunst-machen zu fotografieren. Gleichzeitig hat das Beobachten von Vögeln sehr viel mit deiner Vorgehensweise im Atelier zu tun: dem Warten und Zulassen, dass manchmal auch lange nichts passiert. Kannst du sagen, wie oder warum die Begeisterung für Vögel vom Hobby im kunstfreien Raum zu einer Idee für eine Ausstellung wurde? Oder anders, was führte dazu, dass sich dein Hobby im Laufe der Zeit verselbstständigt, professionalisiert und einen immer größeren Teil deiner Zeit und Arbeit eingenommen hat?
wieder zum vorschein kam das interesse an der ornithologie als mein sohn im alter von etwa 10 jahren während einer autofahrt urplötzlich ohne mein einwirken von der begeisterung für die während der fahrt zu beobachtenden vögel erfasst wurde. wir haben dann in den folgenden jahren bis zu seiner einsetzenden pubertät dieses hobby geteilt und diese gemeinsamen stunden/tage gehören zum schönsten, was ich als vater erlebt habe. seit er sich anderen interessen zugewendet hat, gehe ich der vogelbeobachtung allein nach, manchmal auch mit einem freund. eigentlich sollte das ganze wirklich ein kunstfreier raum in meinem leben bleiben, bestenfalls etwas wie eine übung oder ein training in passivität, aber auf dauer hat das nun nicht funktioniert. bei mir entstehen viele projekte gerade nicht aus einem konzentrierten kunst-wollen, sondern ergeben sich aus einzelnen begegnungen mit bildern, die sich mir selbstständig in erinnerung rufen und die ich auf eine art nicht loswerde, weil sie kommunizieren mit anderen themen, die in mir arbeiten. dass in der alltagswelt oder jenseits der kunstbildproduktion bilder entstehen, die kunstrelevant und in der lage sind, mit bekannten bildern aus der kunstwelt in verbindung zu treten, also die behauptung, dass es nicht ums wollen geht, sondern um aufmerksamkeit, das beschäftigt mich ja seit über zwanzig jahren und das scheint ja so etwas wie ein lebensthema zu sein, vielleicht auch weil mir das aufwändige, sich selbst nicht in zweifel ziehende, geniale und gewollte in der kunst schon seit der zeit als ich student war, auf die nerven geht und abstößt.

Deine hier gezeigten Vogelbilder sind, gemessen an allgemein kursierenden Naturdokumentationen, keine gelungenen Fotografien: Die Vögel setzen zum Flug an, raus aus dem Bild, sind teilweise abgeschnitten. Wir sehen sie wegfliegend von hinten, von der Seite und von unten, meist unscharf oder verdeckt. Wie bei deiner Arbeit am Archiv Peter Piller, das du seit 1998 in über einhundert Themen mit Bildfunden aus Zeitungen, Magazinen oder dem Internet zusammenstellst, gibt es hier eine Kategorie, nach der du die Fotos in der Ausstellung ausgewählt hast? Während der Ausstellungsplanung nanntest du die Serie „flüchtende Vögel“.
kategorien gibt es hier keine, es sollten natürlich verschiedene arten von vögeln sein, verschiedene lichtsituationen, verschiedene farbigkeiten, also die bühnen, von denen da geflüchtet wird, sollten unterschiedlich sein und vor allem sollten die bilder nicht zu schön sein, also nicht den anschein erwecken, in konkurrenz treten zu wollen zu den bekannten perfekten aufnahmen, die ich natürlich auch herstelle, aber die mich leider sofort langweilen. außerdem wird natürlich hier formuliert, dass die vögel vor dem fotografiert-werden und dem bild flüchten, und vor mir, weil ich nur störe mit meiner anwesenheit.

Sowohl in deiner Arbeit mit dem Archiv als auch mit Fotografie trennst du das Bild vom Text: im Umgang mit
Abbildungen aus Zeitungen oder dem Internet entfernst du meist die Bildunterschriften, auch in der Serie Erscheinungen (2014–2017) mit deinen Fotografien von LKW-Rückseiten, auf denen Frauen posieren, hast du sämtliche Schriftzüge entfernt und nur Bild und Grafik unverändert belassen. Der überwiegende Teil deiner Künstlerbücher enthält nur Abbildungen, es gibt eines (Archiv Peter Piller: Materialien (G) Albedo, 2014), welches ausschließlich Texte versammelt. Für die Vogelfotos von behind time hast du dich von vornherein Text und Sprache entzogen - gleichzeitig hast du einen Text geschrieben, der ausgehend von deiner erneut entfachten Leidenschaft für die Ornithologie sehr viel über deine Arbeit als Künstler sagt. Glaubst du, Bild und Text passen nicht zusammen oder schränken die Wahrnehmung gegenseitig ein?
ich beobachte, dass viele so sehr von referenzdruck belastet sind, dass sie sich selbst den raum nehmen und völlig handlungs- und wahrnehmungsunfähig sich selbst gegenüber werden, deshalb versuche ich schon, mich immer wieder in einen zustand von ahnungslosigkeit zu versetzen oder frage mich, als was marsianer dieses oder jenes bild wohl deuten würden, das hilft mir weiter. ich habe aber nichts gegen verstehen, erklären, vergleichen, einordnen, nur der antriebsimpuls ist bei mir meistens eine begeisterung oder eine echte notwendigkeit, mir etwas zu erklären und ich mag es, manchmal einfach zu beginnen ohne auftrag, ohne vorstellung vom produkt, ohne gedanken an die kunst; ich genieße die vollständige freiheit. ich frage gar nicht, wozu ich etwas mache, sondern überlasse mich meinen leidenschaften und frage mich dann später, ob da was brauchbares entstanden ist oder eben nicht.

Neben den Vogelfotografien zeigst du eine Reihe neuer Zeichnungen auf Hotel- und Hochschulbriefpapier, die in den vergangen zwei Jahren entstanden sind. Im Gespräch mit Oliver Zybok (Ich sehe was, was du schon gesehen hast, Kunstforum International, Bd. 246, Mai - Juni 2017) sagst du, du zeichnest, ohne dir vorher etwas vorzunehmen oder vorzustellen und die Zeichnung und der vorn auf das Blatt geschriebene Titel – der Text – entwickeln sich parallel. Das Zeichnen nimmt eine Art Sonderstellung in deiner Arbeit ein, in dem Sinne, wie dabei Bild und Text unbedingt miteinander existieren können. Deine Zeichnungen folgen scheinbar keinem Thema, keiner Serie, bis auf die wiederholte Verwendung des Briefpapiers. Warum Briefpapier?
das ganze knüpft an die bürozeichnungen an, die ich auf dem firmenpapier der agentur gemacht habe, bei der ich als student gejobbt habe und die kommentieren ja überwiegend mit humor die schrecken des büroalltags. damals hatte ich als künstler im büro ja eine sonderstellung und gehörte nicht so richtig dazu. jetzt ist das anders: ich unterrichte seit 2005 an kunstakademien, da gibt es auch eine menge absurder situationen, aber was mich jetzt mehr interessiert, ist, mehr über die verbindung zwischen meinem alltagsleben und dem berufsleben zu erfahren. also lasse ich mich darauf ein, mit den mitteln eines parallelen gebrauchs von zeichnung und text eine entdeckungsreise an der grenzlinie zwischen außen- und innenwelt zu unternehmen, ich frage mich also möglichst oft: wozu mache ich das überhaupt und was soll das? meistens reiße ich den ganzen tag blätter durch, weil das ganze nicht funktioniert oder ich warte, wie bei der vogelfotografie, wenn man stundenlang in bereitschaft ist und es passiert nichts, aber in freundlicher komplizenschaft mit dem misserfolg, dem nutzlosen, der zeitverschwendung. ich mag die trainingseinheit in bereitschaft für eine idee zu sein sehr viel mehr, als mir was auszudenken und ich möchte mir unbedingt die möglichkeit erhalten, mich selbst überraschen zu können.

Gilt dein Interesse an der Vogelwelt und deine „Jagd“ inzwischen eher der Fotografie als der Ornithologie?
oft möchte ich sehen, wie etwas als foto aussieht. das sehen, erleben, dabei-sein, das ist doch etwas ganz anderes.

(Fragen von Anika Matthes)


Peter Piller (* 1968 in Fritzlar) lebt und arbeitet in Hamburg. Er hatte u.a. Einzelausstellungen im Kunst Haus Wien (2016), in der Städtischen Galerie, Nordhorn und Kunsthalle Nürnberg (2015), im Fotomuseum Winterthur und Centre de la photographie, Genf (2014), Kunstverein Braunschweig (2011), Kunstmuseum Bonn (2009), Kunsthaus Glarus (2007), Ludwig Forum, Aachen (2006) und im Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam (2005). Er nahm an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen teil, u.a.: 11th Shanghai Biennale, Walker Art Center, Minneapolis und Fondazione Prada, Mailand (2016), Kunstmuseum St. Gallen und Galerie im Taxipalais, Innsbruck (2013), Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main (2012), C/O Berlin (2011), MoMa PS1, New York (2010). Seit 2006 lehrt er als Professor für Fotografie im Feld der zeitgenössischen Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.
Ab 21. Januar 2018 präsentiert das Berliner Mies van der Rohe Haus eine Einzelausstellung mit Peter Piller.
Bis 4. Februar 2018 stellt er (mit Jochen Lempert) im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg aus.

Peter Piller
behind time

Opening: Friday, 24 November 2017, 6-9pm
Exhibition: 25 November 2017 – 17 February 2018

Conversation with Peter Piller about the exhibition

For your fifth solo exhibition at Galerie Barbara Wien, you’re showing a new series of your own photographs. It concerns pictures you’ve taken of birds whilst observing them in the wild. If one is unfamiliar with your art, or is a bird-watcher and naturist, one would probably describe your pictures as a digression into the world of bird and nature photography, whereby the ornithologist or nature photographer would be likely to speak of failed pictures and rookie mistakes – but more on that later. Developed in parallel to the photographs, your text, nach auflösung örtlicher frühnebel (after the dispersal of local early morning mist), describes how you were already enthralled by a teenage interest in bird-watching. However, it became overlaid by other preferences and came to light again only years later. I imagine you going off one day in your spare time, at the beginning even without opulent photographic equipment and without the intention of photographing birds for art’s sake. At the same time, your observation of birds has a lot to do with your studio practice: the waiting and toleration, that sometimes nothing happens for a while. Can you tell me how or why the enthusiasm for birds developed from an art-free hobby into an idea for an exhibition? Or alternatively, over time, what led to your hobby becoming independent, professional and taking up more and more of your time and work?
my interest in ornithology emerged again when my son was about 10 years old. during a car journey, all of a sudden and without my influence, he was bitten with enthusiasm for watching the birds along the way. in the years following, and until his onset of puberty, we shared this hobby and these hours/days together were among the most beautiful things i experienced as a father. since he turned towards other interests, i go birdwatching alone, or sometimes with a friend. it should actually remain an art-free space in my life, at best something like an exercise or workout in passivity, but in the long run it didn’t work out. for me, a lot of projects do not emerge out of a concentrated desire for art, but rather result from individual encounters with images, which independently call upon my memory, and in a way i can’t get rid of because they communicate with other topics that work within me. the fact that in the everyday world or beyond artistic image-production, images emerge that are relevant to art and are in a position to connect with well-known images from the artistic world, asserts how it’s not about wanting, but about attention. that has been bothering me for over twenty years, and it’s seems it’s something of a life theme. maybe also because i have been annoyed and disgusted by the extravagant, do not question oneself, ingenious and desirable within art since the time i was a student.

Measured against popularly circulating nature documentaries, your bird pictures shown here are not successful photographs: the birds are about to fly, out of the picture and are partially cut-off. We see them flying away from behind, from the side and from underneath. And they’re mostly out of focus or hidden. As with your work Archiv Peter Piller, in which since 1998 you have compiled together over one hundred themes using found images from newspapers, magazines or the internet, is there a category for the photos you’ve chosen for the exhibition? During the planning of the exhibition, you called the series “fleeing birds”.
there are no categories here. it should just be different types of birds, different light situations, different colours, so the platforms which they fly away from should be different. above all, the images should not be too beautiful and should not purport to compete with the well-known, perfect photographs which i of course also make but unfortunately, they bore me immediately. moreover, of course it’s framed here so that the birds are fleeing from being photographed and the image and from myself, because i only disturb them with my presence.

Both in your work with the archive and in your photography, you separate the image from text: when dealing with the images from newspapers or the internet, you remove most of the captions underneath. Also in your series Erscheinungen (Phenomena, 2014–2017), consisting of photographs of the backsides of lorries with posing women on them, you removed all letterings and left only the image and graphic unaltered. The vast majority of your artist books contain only images; there is just one (Archiv Peter Piller: Materialien (G) Albedo, 2014) which exclusively collects texts. For the bird photos from behind time, you deprived yourself of text and language from the beginning – at the same time, you wrote a text based on your rekindled passion for ornithology, which says a lot about your work as an artist. Do you believe that image and text do not go together or restrict the perception of one another?
i notice that many are so burdened from reference pressure that they shrink their own space and become fully incapable of action or awareness. that’s why i always try to shift my position to one of naivety or i ask myself how martians would interpret this or that picture, that helps me. but i have nothing against understanding, explaining, comparing, classifying, it’s just my driving impulse arises usually out of enthusiasm or a real necessity to explain something to myself. and i sometimes like to begin without a mission, without a vision of the outcome, without thought of art; i enjoy complete freedom, i don’t ask why i’m doing something, instead i let my passions guide me and later question if something useful has arisen or not.

In addition to the bird photographs, you’ll exhibit a row of new drawings done on hotel and university letter paper, which have developed over the last two years. You said in conversation with Oliver Zybok (Ich sehe was, was du schon gesehen hast / I see something that you have already seen, Kunstforum International, Vol. 246, May – June 2017), that you draw without making or imagining something first, and that the drawing and the title – the text – written on the front of the drawing, develop in parallel. Drawing takes on a kind of special position in your work, in the sense that image and text can indeed exist together. Your drawings do not appear to follow a theme, no series, except for the repeated use of letter paper. Why letter paper?
it’s all tied to the office drawings i made on an agency’s company paper whilst i was working there as a student, commenting mainly humorously on the horror of office everyday life. at the time, i had a special position as an artist in the office and i didn’t really fit in. now it’s different: since 2005 i’ve taught in art academies where there are a lot of absurd situations as well, but now what interests me more is learning about the connection between my everyday life and professional life. so, i engage with this connection by using drawing and text in parallel, in order to undertake a journey of discovery along the borderline between the inner and outer world. thus, i ask myself as often as possible: why am i even doing that and what’s that point? mostly i tear up pages the entire day, because the whole thing is not working or i’m waiting, like with the bird photography when you’re ready for hours and nothing is happening, in pleasant complicity with the failure, the uselessness and the waste of time. i like the training session that comes with being ready for an idea much more than conceiving something and i really want to uphold the possibility of surprising myself.

So, by now is your interest in the world of birds and your “hunt” more related to photography or ornithology?
i often want to see what it looks like as a photo. seeing, experiencing, being there, that‘s something completely different.

(Questions from Anika Matthes)

Peter Piller (* 1968 in Fritzlar, Germany) lives and works in Hamburg. He has had solo exhibitions at the Kunst Haus Wien, Vienna (2016); at the Städtische Galerie, Nordhorn and Kunsthalle Nuremburg (2015); at the Fotomuseum Winterthur and Centre de la photographie, Geneva (2014); Kunstverein Braunschweig (2011); Kunstmuseum Bonn (2009); Kunsthaus Glarus (2007); Ludwig Forum, Aachen (2006) and at Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam (2005) amongst others. He has participated in a number of group exhibitions, including: 11th Shanghai Biennale; Walker Art Center, Minneapolis and Fondazione Prada, Milan (2016); Kunstmuseum St. Gallen and Galerie im Taxipalais, Innsbruck (2013); Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main (2012);
C/O Berlin (2011) and MoMa PS1, New York (2010).
Since 2006 he has been teaching as Professor of Photography in the department of contemporary art at the University for Graphics and Book Art in Leipzig.
From the 21 January 2018, the Mies van der Rohe Haus, Berlin will present a solo exhibition with Peter Piller.
Until the 4 Feburary 2018, his work is exhibited (together with Jochen Lempert) at the Museum für Kunst and Gewerbe, Hamburg.