still from Also Known As Jihadi, 2017

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still from Also Known As Jihadi, 2017

detail of Que peut une image ? [What an image can?], 2017

detail of Que peut une image ? [What an image can?], 2017

detail of V-Blank, 2006

Eric Baudelaire
Afterimage

Eröffnung: Freitag, 15. Februar 2019, 18 - 21 Uhr
Filmvorführung Also Known As Jihadi (99 Min.)
jeden Di – Sa um 12, 14 & 16 Uhr

Zusätzliche Abendscreenings:
Freitag, 12. April 2019, 18-20 Uhr
Samstag, 13. April 2019, 18-20 Uhr

Hier klicken für das Ausstellungsportfolio

Eric Baudelaires zweite Einzelausstellung in der Galerie Barbara Wien fällt mit seiner kürzlich bekanntgegebenen Nominierung für den Marcel Duchamp Preis 2019 zusammen. Baudelaires Arbeiten werden sowohl im Kontext der zeitgenössischen bildenden Kunst als auch auf Filmfestivals gezeigt. Anders als in seiner ersten Ausstellung in unserer Galerie 2016, die sich auf das nicht-filmische Werk konzentrierte, zeigen wir in Afterimage Baudelaires neuesten Film in Spielfilmlänge, Also Known As Jihadi, der 2017 in seiner Einzelausstellung im Witte de With in Rotterdam Premiere hatte und im selben Jahr im Mittelpunkt seiner Ausstellung Après im Centre Pompidou in Paris stand.

Also Known As Jihadi ist die Geschichte von Abdel Aziz. Dies ist der fiktive Name eines wirklich existierenden jungen Mannes, der im französischen Val-de-Marne geboren wurde und 2012 in Aleppo in Syrien der al-Nusra-Front beitrat. Aziz erscheint selbst nicht auf der Leinwand; stattdessen werden in verschiedenen Szenen Landschaften gezeigt, in denen sich seine Geschichte abspielte. Baudelaire zitiert damit die Filmtheorie fukeiron (Landschaftstheorie), die der japanische Filmemacher Masao Adachi in dem Film A.K.A. Serial Killer (1969) formuliert hat. Adachis Film besteht aus Aufnahmen der Orte, die Norio Nagayama in seinem kurzen Leben durchquert hat, bevor er inhaftiert und für den Mord an vier Personen verurteilt wurde. Adachi und seine Mitstreiter erkannten eine politische Dimension in diesen Serienmorden. Sie entwickelten fukeiron als eine künstlerische Form, um herauszufinden, ob die gefilmten Landschaften die Machtstrukturen aufdecken könnten, die zu Nagayamas Entfremdung beigetragen haben und zum Verständnis der Morde führen könnten. Also Known As Jihadi ist der dritte Film eines andauernden Dialogs zwischen Baudelaire und Adachi: in Baudelaires The Anabasis of May and Fusako Shigenobu, Masao Adachi and 27 Years without Images (2011) war Adachi das Thema und der Erzähler, für The Ugly One (2013) hat er das Skript geschrieben und in dem dritten Projekt verwendet Baudelaire nun Adachis filmisches Konzept, er erstellt ein "Remake" von Adachis bahnbrechendem Film und bringt dessen Konzept in einen zeitgenössischen Kontext.

Also Known As Jihadi folgt den Spuren von Aziz‘ Reise durch die Landschaften, die er durchquert hat: wir sehen das Krankhaus in der Pariser Vorstadt Vitry, in dem er geboren wurde, die Nachbarschaft, in der er aufwuchs, seine Schulen, die Universität und die Arbeitsplätze. Dann folgt seine Abfahrt nach Ägypten, in die Türkei und die Straße nach Aleppo. Angelehnt an Adachis Landschaftstheorie entwickelt Baudelaire eine zweite Erzählebene, indem er Auszüge aus den Gerichtsakten verwendet: Polizeibefragungen, Abhörprotokolle und Überwachungsberichte. Die Dokumente werden, wie Seiten eines Skripts, mit Bildern und Sound verflochten. Baudelaire gestaltet auf diese Weise einen Film, der weniger die einzelne Person, Aziz, beschreibt, als vielmehr die architektonischen, politischen, sozialen und rechtlichen Landschaften zeigt, in denen sich seine Geschichte entfaltet. Der Film gibt viel Raum für eigene Interpretationen, er ist weit entfernt von den üblichen Erklärungen, die das Thema Terrorismus umgeben. Bei Baudelaires Film steht der Kontext im Vordergrund während das Subjekt unsichtbar bleibt; es ist also an uns, einen Charakter aus unseren Projektionen zusammenzusetzen.

In Afterimage zeigen wir außerdem Siebdruckplakate, die Baudelaire zusammen mit verschiedenen Mitarbeitern als ABC erstellt hat. Sie waren Teil seiner Ausstellung Après im Centre Pompidou. Die Plakate wurden jede Nacht von Stenographen und Designern entwickelt und waren eine Wiedergabe des öffentlichen Programms, das täglich an fünfzehn Tagen in seiner Ausstellung im Pompidou stattfand. Wir zeigen daraus eine Auswahl von vier Plakaten: A für Architektur, F für Fukeiron, J für Gerechtigkeit (Justice), H für Hypnose. Die Texte liefern urbanistische, filmtheoretische, rechtliche und psychoanalytische Gedankenanstöße und verweisen auf die Beziehungen von Kunst und aktuellen Ereignissen.

Mit Que peut une image ? (Was kann ein Bild?) schlägt Baudelaire eine andere Form der Montage vor, in der Bilder und Worte separiert sind. In einer Lichtvitrine zeigt er eine Auswahl von gefundenen Bildern und Texten. Hier versucht er den schwer fassbaren Begriff des Terrorismus zu definieren; in den Textteilen entwickelt er dazu wieder ein ABC. Die Texte sind aber lückenhaft, angeschnitten, unvollständig, unzusammenhängend: sie taugen nicht dazu, die Bilder zu untertiteln und bieten auf diese Weise Raum für Ungewissheit, für eigene Verbindungslinien. Anders als Aziz im Film, der körperlich nie anwesend ist, sind hier Körper unvermeidbar: nackt, sich in Szene setzend, zensiert, zerschnitten, verletzt, erschossen oder sogar tot. Bilder von Lust und Gewalt - triebhafte Kräfte, deren Darstellungsformen zu jeder Zeit komplexe Fragen aufgeworfen haben.


Eric Baudelaire wurde 1973 in Salt-Lake City, USA, geboren. Er lebt und arbeitet in Paris. Baudelaire hatte eine Vielzahl internationaler Ausstellungen, einschließlich Einzelausstellungen im Centre Pompidou, Paris, Frankreich (2017); im Witte de With, Rotterdam, Niederlande (2017); im Ludwig Forum, Aachen, Deutschland; im Fridericianum, Kassel, Deutschland (2014); in der Bergen Kunsthall, Norwegen (2014); im Beirut Art Centre, Libanon (2013); und im Hammer Museum, Los Angeles, USA (2010).
Baudelaire hat an vielen internationalen Gruppenausstellungen teilgenommen, z.B. an der Cleveland Triennial for Contemporary Art, USA (2018); an der Whitney Biennial 2017, New York, USA; an der Biennale de Montréal, Canada (2016); der Sharjah Biennial, VAE (2015); der Yokohama Triennial, Japan (2014); der 8th Taipei Biennial, Taiwan (2012); und an der Ausstellung La Triennale, Paris, Frankreich (2012).

Einige seiner Filme und Installationen sind Teil von internationalen Museumssammlungen wie dem Museum of Modern Art, New York, USA; Museo Reina Sofia, Madrid, Spanien; Whitney Museum of American Art, New York, USA; MACBA in Barcelona, Spanien; und Centre Pompidou in Paris, Frankreich.

Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, sowohl für seine Filme als auch für seine nicht-filmischen Arbeiten, darunter der Future of Europe Art Preis (Leipzig, 2017); der Preis der 12. Sharjah Biennial (2015); der SeMA-HANA Award, Mediacity in Seoul, Südkorea (2014); und dem Special Jury Preis beim DocLisboa Festival, Portugal (2012 und 2014).

Anschließend an Eric Baudelaires Nominierung für den Marcel Duchamp Preis 2019 wird das Centre Pompidou in Paris eine Gruppenausstellung mit den vier nominierten Künstlern ausrichten, die am 8. Oktober 2019 eröffnet.

Eric Baudelaire
Afterimage

Opening: Friday, February 15, 2019, 6 - 9 pm
Film screening times Also Known As Jihadi (99 min.) every Tue – Sat at 12 pm, 2 pm & 4 pm

Additional evening screenings:
Friday, April 12, 2019, 6-8 pm
Saturday, April 13, 2019, 6-8 pm

Click here for the exhibition portfolio

Galerie Barbara Wien presents its second exhibition with Eric Baudelaire, which coincides with his nomination for the Marcel Duchamp Prize 2019. Eric Baudelaire’s hybrid practice has been exhibited within contemporary art channels and presented at film festivals and in cinemas. Unlike our first exhibition with the artist, where we decided to only exhibit the non-filmic facet of his work, Afterimage presents Baudelaire’s latest feature-length film Also Known As Jihadi, which premiered in 2017 for his solo exhibition at Witte de With, Rotterdam and was the centrepiece of Baudelaire’s exhibition Après at the Centre Pompidou in Paris the same year.

Also Known As Jihadi is the possible story of Abdel Aziz, a fictitious name given to a real young man born in Val-de-Marne (France), who joined the al-Nusra Front in 2012 in Aleppo, Syria. In a rather unsettling manner, Aziz does not appear on screen; instead, successive scenes frame the landscapes in which his story unfolds. Here Baudelaire quotes and loosely applies fukeiron (the landscape theory), as formulated by the Japanese filmmaker Masao Adachi in the film A.K.A. Serial Killer (1969) which consists of shots of places Norio Nagayama traversed in his short life, before his arrest and conviction for the murder of four people. Adachi and his fellow filmmakers perceived a political dimension in these serial killings, and they imagined fukeiron as a way of questioning whether filming landscapes could reveal the structures of power that contributed to Nagayama’s alienation and thus provide context to the murders. Also Known as Jihadi is the third film in an on-going dialog between Baudelaire and Adachi: in Baudelaire’s The Anabasis of May and Fusako Shigenobu, Masao Adachi and 27 Years without Images (2011) Adachi was subject and narrator, in The Ugly One (2013) he was scriptwriter, and with this third project, Baudelaire remakes Adachi’s seminal film and brings it into a contemporary context.

Also Known As Jihadi traces Aziz’s journey through the landscapes he traversed: the clinic where he was born in the Parisian suburb of Vitry, the neighborhoods he grew up in, his schools, university and workplaces. Then, his departure to Egypt, Turkey and the road to Aleppo. In a departure from Adachi’s fukeiron, Baudelaire unfolds a second storyline made of extracts from judicial records: police interrogations, wiretaps, and surveillance reports. The documents, like pages from a script, are intertwined with images and sounds to compose a film that pertains less to a singular character, Aziz, than to the architectural, political, social and judicial landscapes in which his story unfolds. The film allows us space for interpretation, far from the usual din that surrounds stories about terrorism. The context is at the forefront while the subject remains invisible; it belongs to us to compose a character through our projections.

Afterimage also includes a series of silkscreen posters that resulted from a collaborative abecedarium Baudelaire developed together with participants from various fields as part of his exhibition Après at the Centre Pompidou. The posters were made every night with the help of stenographers and graphic designers as a record of the public program that took place daily over the course of fifteen sessions. Here, a selection of four posters, A for Architecture, F for Fukeiron, J for Justice, H for Hypnosis, give us some urbanistic, film-theoretical, legal and psychoanalytic food for thought on the relationship between art and current events.

With Que peut une image ? [What an image can?], Baudelaire proposes another form of montage where pictures are also set apart from words: a light box vitrine showcases an assemblage of found images and texts. In an attempt to define the elusive notion of terrorism, the textual parts develop, once again, an abecedary. These entries, however, are lacunary, cut, incomplete, patchy: they fail to caption the corpus of images around them and offer room for uncertainty and therefore for our own connections. Unlike Aziz’s physicality in the film, in this piece, bodies are hard to avoid: stripped bare, posing, censored, erased, cut, injured, shot or even dead. Images of desire and images of violence, impelling forces whose representations raise timelessly elusive questions.

Eric Baudelaire was born in Salt-Lake City, USA in 1973. He lives and works in Paris. Baudelaire has had numerous international exhibitions including solo shows at the Centre Pompidou, Paris, France (2017); the Witte de With, Rotterdam, Netherlands (2017); the Ludwig Forum, Aachen, Germany; the Fridericianum, Kassel, Germany (2014); the Bergen Kunsthall, Norway (2014); the Beirut Art Centre, Lebanon (2013); and the Hammer Museum, Los Angeles, USA (2010).
Baudelaire has also taken part in various international group exhibitions, for example at the Cleveland Triennial for Contemporary Art, USA (2018); the Whitney Biennial 2017, New York, USA; the Biennale de Montréal, Canada (2016); the Sharjah Biennial, UAE (2015); Yokohama Triennial, Japan (2014); 8th Taipei Biennial, Taiwan (2012); and at La Triennale, Paris, France (2012).

Several of his films and installations are part of international museums’ collections such as The Museum of Modern Art, New York, USA; the Museo Reina Sofia, Madrid, Spain; the Whitney Museum of American Art, New York, USA; the MACBA in Barcelona, Spain; and the Centre Pompidou in Paris, France.

He has been the recipient of numerous prizes both for his films and exhibition works including the Future of Europe Art Prize (Leipzig, 2017); Sharjah Biennial 12 prize (2015); the SeMA-HANA Award, Mediacity in Seoul, South Korea (2014); and the Special Jury Prize at DocLisboa Festival, Portugal (2012 and 2014).

Following Eric Baudelaire’s nomination for the Marcel Duchamp Prize 2019, the Centre Pompidou in Paris, France will host a group exhibition with the four nominated artists, opening 8th October 2019.